Alfredo James Pacino kommt am 25. April 1940 in East Harlem zur Welt – in einem Viertel, das zu dieser Zeit noch von Armut, Einwandererkultur und dem Rhythmus der Straße geprägt ist. Seine Eltern, beide süditalienischer Herkunft, trennen sich früh. Der junge Al wächst bei seiner Mutter und den Großeltern auf, bricht die Schule ab und findet seine Heimat auf der Bühne. Das Actors Studio in New York, wo er unter Lee Strasberg die Method Acting-Technik verfeinert, wird zur Schule, die ihn formt. Was er dort lernt, trägt er in nahezu jede Rolle seines Lebens.
Kurzzusammenfassung
- Al Pacino gilt als einer der einflussreichsten Method-Actors des New Hollywood und prägte mit Filmen wie „Der Pate“, „Scarface“ und „Heat“ das Kino des 20. Jahrhunderts entscheidend mit.
- Trotz acht Oscar-Nominierungen gewann er die Auszeichnung als bester Hauptdarsteller nur einmal – für „Der Duft der Frauen“ (1993) – was ihn zu einem der meistunterschätzten Preisträger der Filmgeschichte macht.
- Seine besten Rollen stammen aus zwei klar abgrenzbaren Hochphasen: den experimentierfreudigen 1970ern und den oscarreifen 1990ern, während sein Spätwerk vor allem im Streaming-Bereich reüssiert.
Was Pacino von seinen Zeitgenossen unterscheidet, ist die Fähigkeit, gleichzeitig präzise und gefährlich zu wirken. Er spielt nicht Figuren – er wird sie. Diese Qualität ist es, die Francis Ford Coppola 1972 dazu bewegt, den damals noch weitgehend unbekannten Pacino als Michael Corleone zu besetzen. Der Rest ist Filmgeschichte.
Die 1970er: New Hollywood und ein junger Mann mit tausend Gesichtern
Zwischen 1972 und 1979 dreht Pacino eine Serie von Filmen, die zusammen ein kleines Wunder der amerikanischen Filmkultur ergeben. „Der Pate“ (1972) macht ihn international bekannt – nicht trotz, sondern wegen seiner Zurückhaltung. Michael Corleone beginnt als desinteressierter Außenseiter und endet als eiskalter Patriarch. Pacino vermittelt diesen Wandel fast ohne große Gesten. Der Film gewinnt den Oscar für den besten Film; Marlon Brandos Vito Corleone wird zur Ikone – doch der eigentliche emotionale Motor der Geschichte ist Pacino.
„Der Pate – Teil II“ (1974) vertieft diese Leistung noch. Michael wird paranoid, isoliert, zerstörerisch – und Pacino spielt diese Auflösung einer Seele mit erschreckender Konsequenz. Der Film ist bis heute auf nahezu jeder „Beste Filme aller Zeiten“-Liste vertreten und gilt manchen Kritikern als das überlegene Werk des Doppels.
„Serpico“ (1973) und „Hundstage“ (1975), beide unter der Regie von Sidney Lumet entstanden, zeigen eine andere Seite: den nervösen, moralisch kompromisslosen Einzelgänger in einer korrupten Welt. Besonders „Hundstage“ – basierend auf einem wahren Bankraub aus dem Jahr 1972 – zeigt Pacino in einem Ausnahmezustand, der keine Sekunde nachlässt. Sein Sonny Wortzik ist zerrissen, komisch und tragisch zugleich.
Diese Phase endet mit „…und Gerechtigkeit für alle“ (1979), einem Justizdrama mit einer der berühmtesten Gerichtsszenen der Filmgeschichte. Kein anderer Satz definiert das Klischee vom „lauten Pacino“ so sehr – und keiner wird so oft aus dem Kontext gerissen.
Scarface, der Absturz und die Rückkehr in den 1990ern
„Scarface“ (1983) ist eine Zäsur. Brian De Palmas Neuverfilmung des Klassikers von 1932 empfängt bei der Premiere gemischte bis vernichtende Kritiken. Tony Montana sei zu überzeichnet, die Gewalt zu grotesk. Recht behält die Nachwelt: Heute ist der Film ein Kultklassiker, dessen Einfluss auf Populärkultur, Rap und Streetwear kaum zu überschätzen ist. Pacinos „Say hello to my little friend“ ist ein Satz, der keine Einleitung mehr braucht.
Die zweite Hälfte der 1980er ist kritisch gesehen eine schwächere Phase. Doch 1992 kommt der Wendepunkt: „Der Duft der Frauen“ bringt ihm nach acht Nominierungen endlich den Oscar ein. Sein Lt. Col. Frank Slade – blind, verbittert, im Inneren noch immer kämpfend – ist eine der nuanciertesten Leistungen seiner Karriere, auch wenn das Akademiemitglied vermutlich auch auf das Konto nachgeholter Würdigung eingezahlt hat. Dass er für „Der Pate“ und „Hundstage“ leer ausging, ist ein Fingerzeig auf die Launen des Preissystems.
„Heat“ (1995) markiert den Höhepunkt der 1990er-Phase. Michael Manns epischer Crime-Thriller ist auch der erste Film, in dem Pacino und Robert De Niro tatsächlich gemeinsam in einer Szene zu sehen sind – das Diner-Gespräch, gerade einmal drei Minuten lang, zählt zu den dichtesten Dialogmomenten des amerikanischen Kinos. Bemerkenswert dabei: In „Der Pate – Teil II“ teilten sich die beiden zwar denselben Film, aber nie dieselbe Einstellung. Dass es über 20 Jahre dauerte, bis sie wirklich miteinander spielten, ist eine Filmgeschichts-Kuriosität.
Späte Rollen und das Vermächtnis einer Karriere
„Insomnia“ (2002) gehört zu den am häufigsten übersehenen Pacino-Filmen. Christopher Nolans kühl inszeniertes Psychodrama zeigt einen von Schlaflosigkeit und Schuldgefühlen zermürbten Detektiv – leise, kontrolliert, fast schon kammerspielartig. Es ist eine Gegenbewegung zu Tony Montana und John Milton aus „Im Auftrag des Teufels“ (1997), wo Pacino den Teufel persönlich gibt und mit offensichtlicher Freude an der Deklamation arbeitet.
Martin Scorseses „The Irishman“ (2019, Netflix) schließt einen Kreis. Pacino spielt Gewerkschaftsboss Jimmy Hoffa als Kraftpaket mit Destruktionspotenzial – eine Rolle, die auch seinen Zeitgenossen De Niro und Joe Pesci würdige letzte große Auftritte bietet. Der Film ist kein nostalgisches Schulterklopfen, sondern ein ernstes Spätwerk über Loyalität, Verrat und die Lügen, mit denen Menschen ihr Leben erzählen.
Was Pacinos Karriere so außergewöhnlich macht, ist nicht allein die Zahl der Meisterwerke, sondern die Bandbreite. Wer nur „Scarface“ kennt, hat einen anderen Schauspieler gesehen als jemand, der „Insider“ (1999) oder „Serpico“ kennt. Das Klischee vom brüllenden Großdarsteller hat er sich selbst mitgeschaffen – und es überlebt, weil seine stillen Rollen weniger laut durch die Popkultur reisen.
| Film | Jahr | Rolle | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Der Pate | 1972 | Michael Corleone | Internationaler Durchbruch |
| Serpico | 1973 | Frank Serpico | Oscar-Nominierung, Lumet-Zusammenarbeit |
| Der Pate – Teil II | 1974 | Michael Corleone | Oscar-Nominierung, erste De-Niro-Begegnung |
| Hundstage | 1975 | Sonny Wortzik | Basiert auf wahren Ereignissen |
| Scarface | 1983 | Tony Montana | Anfangs verrissen, heute Kultklassiker |
| Der Duft der Frauen | 1992 | Frank Slade | Oscar-Gewinn als bester Hauptdarsteller |
| Heat | 1995 | Vincent Hanna | Erste echte Pacino/De-Niro-Szene |
| Insomnia | 2002 | Will Dormer | Unterschätzter Nolan-Thriller |
| The Irishman | 2019 | Jimmy Hoffa | Scorsese-Spätwerk, Netflix-Produktion |
Wer Pacino wirklich verstehen will, sollte chronologisch vorgehen: erst die 1970er-Jahre-Werke, dann die 1990er-Hochphase, dann das nachdenklichere Spätwerk. Jede Phase zeigt einen anderen Mann – und zusammen zeigen sie, was ein Schauspieler leisten kann, wenn er sich weigert, nur eine Version seiner selbst zu sein.
Häufige Fragen
Hat Al Pacino mehrere Oscars gewonnen?
Nein, trotz acht Nominierungen hat Pacino nur einen einzigen Oscar gewonnen – als bester Hauptdarsteller für „Der Duft der Frauen“ bei der Verleihung 1993. Dass er für seine Rollen in „Der Pate“, „Hundstage“ und „Serpico“ leer ausging, gilt bis heute als eine der größten Fehlentscheidungen der Oscar-Geschichte. Zusätzlich zu seinem Oscar ist er Emmy- und Tony-Preisträger, was ihn zum Mitglied der sogenannten „Triple Crown of Acting“ macht.
Welcher Al-Pacino-Film ist der beste Einstieg für Neueinsteiger?
„Der Pate“ (1972) ist der naheliegendste Einstieg, bietet aber nicht unbedingt den zugänglichsten Pacino – seine Rolle ist bewusst zurückgenommen. Wer eine unmittelbarere Begegnung sucht, steigt besser mit „Hundstage“ oder „Heat“ ein: Beide Filme sind dichter, moderner im Rhythmus und zeigen Pacino in Rollen, die sofort greifen. „Scarface“ eignet sich als drittes Standbein für das Popkultur-Fundament.
Wie oft haben Al Pacino und Robert De Niro zusammen gespielt?
Weniger oft als oft angenommen. Obwohl beide in „Der Pate – Teil II“ (1974) mitwirkten, teilten sie dort keine gemeinsame Szene. Die erste echte Begegnung vor der Kamera fand im Diner-Gespräch von „Heat“ (1995) statt – ein Moment, auf den die Filmwelt über 20 Jahre warten musste. Danach folgten noch „Kurzer Prozess – Righteous Kill“ (2008) und „The Irishman“ (2019), womit die gemeinsamen Auftritte im Kino überschaubar bleiben.
