Von den zahllosen Filmen, die Alfred Hitchcock im Lauf seiner Karriere drehte, ist genau einer bis heute nicht auffindbar: „The Mountain Eagle“ von 1926, sein zweites Werk als Regisseur. Der Film gilt als der meistgesuchte verschollene Film der Welt – und Hitchcock selbst war offenbar keineswegs traurig darüber.
Ein Melodram in den Tiroler Bergen
„The Mountain Eagle“ erzählt die Geschichte eines eifersüchtigen Witwers, der mit seinem gehbehinderten Sohn und einem weiteren Mann um die Zuneigung einer Lehrerin rivalisiert – ein Melodram, das eigentlich in den Bergen Kentuckys spielen sollte. Gedreht wurde jedoch größtenteils in den Emelka-Studios in München sowie mit Außenaufnahmen im Tiroler Örtchen Obergurgl, im Herbst 1925. Die Produktion verlief alles andere als reibungslos: Berichten zufolge wurde bei den Dreharbeiten ein Dach eines Dorfhauses beschädigt, und Hitchcock selbst litt unter der Höhenlage an Höhenkrankheit.
Es war erst sein zweiter Spielfilm nach „The Pleasure Garden“, entstanden in einer Phase, in der der junge Regisseur seinen Stil noch suchte. Wer diesen Drehort im Ötztal heute besuchen möchte, dem bietet sich ein gut gelegenes Hotel im Ötztal mit Pool als komfortable Basis für die Erkundung der Region an.
Warum keine einzige Kopie überlebt hat
Bis heute ist keine vollständige Filmrolle von „The Mountain Eagle“ erhalten geblieben, was ihn zum einzigen komplett verlorenen Spielfilm in Hitchcocks Gesamtwerk macht. Das British Film Institute führt ihn ganz oben auf seiner Liste der 75 meistgesuchten verschollenen Filme, und auch die Cine-Tirol-Filmkommission bewirbt ihn als „meistgesuchten Film der Welt“ – ein Titel, der die Sehnsucht von Filmhistorikern und Sammlern nach einer Wiederentdeckung unterstreicht. Erhalten geblieben sind lediglich einige wenige Werbefotos aus der Produktionszeit, von denen sechs Aufnahmen und Standbilder überliefert sind, teils abgedruckt in François Truffauts berühmtem Interviewbuch mit Hitchcock.
Hitchcocks eigenes Urteil
Besonders bemerkenswert ist, dass Hitchcock selbst den Verlust des Films offenbar nicht bedauerte. Im Gespräch mit Truffaut bezeichnete er „The Mountain Eagle“ als „furchtbar“ und einen „sehr schlechten Film“, mit dem er nicht unzufrieden war, dass keine Kopien überlebt hatten. Diese seltene Selbstkritik eines Regisseurs, der später als „Meister der Spannung“ gefeiert wurde, macht den Fall umso kurioser: Während Cineasten weltweit seit Jahrzehnten nach dem verschollenen Werk suchen und mehrfach vermeintliche Funde vermeldet wurden, die sich am Ende als falsch herausstellten, hätte der Schöpfer selbst vermutlich nichts dagegen gehabt, wenn der Film für immer verschwunden bliebe.
Gerade dieser Widerspruch – die Beharrlichkeit der Suchenden gegenüber der Gleichgültigkeit des Regisseurs – macht „The Mountain Eagle“ zu einem der faszinierendsten Kapitel der Filmgeschichte. Sollte irgendwann doch noch eine Kopie auftauchen, wäre dies eine Sensation für die Filmwelt, ganz gleich, was Hitchcock selbst davon gehalten hätte. Bis dahin bleibt der Film ein Mythos, der vor allem durch seine Abwesenheit weiterlebt.
Immer wieder falsche Hoffnung
Über die Jahrzehnte tauchten immer wieder Gerüchte über eine mögliche Wiederentdeckung von „The Mountain Eagle“ auf, etwa in Archiven in Osteuropa oder bei privaten Sammlern, die angeblich Kopien aus den 1920er-Jahren besäßen. Keiner dieser Hinweise führte bislang zu einem tatsächlichen Fund, was den Mythos um den Film nur weiter befeuerte. Filmarchive wie das BFI durchsuchen regelmäßig internationale Bestände, in der Hoffnung, dass irgendwo eine vergessene Kopie überdauert hat – ein Szenario, das angesichts der Wiederentdeckung anderer, lange verloren geglaubter Stummfilme keineswegs ausgeschlossen ist.
Für Hitchcock-Forscher bleibt der Film vor allem deshalb interessant, weil er Aufschluss darüber geben könnte, wie sich die visuelle Handschrift des jungen Regisseurs zwischen seinem Debüt und seinen späteren, deutlich reiferen Werken entwickelte. Die wenigen erhaltenen Fotografien lassen bereits erahnen, dass Hitchcock schon hier mit expressiven Schatten und ungewöhnlichen Kamerawinkeln experimentierte – Stilmittel, die seine spätere Karriere prägen sollten. Bis zu einer möglichen Wiederentdeckung bleibt „The Mountain Eagle“ damit eine der spannendsten offenen Fragen der Filmgeschichte, an der sich Sammler und Archivare weltweit noch immer die Zähne ausbeißen.

