Robert Seethalers Bestseller „Der Trafikant“ von 2012 gehört zu den meistgelesenen österreichischen Romanen der letzten Jahre. 2018 brachte Regisseur Nikolaus Leytner die Geschichte ins Kino – mit bemerkenswerter Werktreue, aber auch mit gezielten Verschiebungen, die zeigen, wie unterschiedlich Literatur und Film mit denselben Motiven umgehen können.
Die Geschichte von Franz und Freud
Erzählt wird die Geschichte des jungen Franz Huchel, der 1937 aus der Provinz nach Wien zieht, um bei einem Trafikanten eine Lehrstelle anzutreten. Dort begegnet er dem alternden Sigmund Freud, der zu seinem Stammkunden und ungewöhnlichem Mentor wird. Vor dem Hintergrund des „Anschlusses“ Österreichs an Nazi-Deutschland entwickelt sich eine Freundschaft zwischen dem naiven Jungen und dem berühmten Psychoanalytiker, während sich die politische Lage zusehends verdüstert. Simon Morzé spielt Franz, Bruno Ganz gibt in seiner vorletzten Kinorolle einen zurückhaltenden, humorvollen Freud, der die Ereignisse um ihn herum mit wachsender Resignation beobachtet.
Wo sich Film und Buch unterscheiden
Grundsätzlich hält sich Leytners Verfilmung eng an die Romanvorlage – die Handlung, die Figurenkonstellation und der historische Rahmen bleiben weitgehend unverändert. Die auffälligsten Abweichungen betreffen die Traumsequenzen, die im Roman eher diffus und literarisch angedeutet bleiben, im Film hingegen zu klaren, surreal aufgeladenen Bildern werden. Wo Seethaler Franz’ Träume in poetischer Sprache nur andeutet, verleiht der Film ihnen konkrete visuelle Gestalt, ergänzt um zusätzliche, traumähnliche Visionen, die auch tagsüber auftreten.
Diese Entscheidung macht die Fähigkeit zum Träumen, die im Roman ein eher abstraktes Motiv für geistige Freiheit ist, im Film zu einem greifbaren, visuell konsequent durchgezogenen Element. Kritiker werteten dies überwiegend positiv, da die intensiven Farben und Traumbilder dem Medium Film gerecht werden, ohne den Geist der Vorlage zu verraten.
Warum die Werktreue funktioniert
Dass die Verfilmung trotz dieser Anpassungen als gelungen gilt, liegt vor allem daran, dass die Unterschiede aus den Möglichkeiten des Mediums Film begründet sind und nicht aus willkürlicher Umdeutung. Wo ein Roman mit Andeutungen und innerem Monolog arbeiten kann, braucht ein Film konkrete Bilder, um dieselbe emotionale Wirkung zu erzielen – und genau hier setzt Leytners Inszenierung an. Die Grundthemen des Buches, das Erwachsenwerden in einer Zeit des politischen Umbruchs, die Freundschaft zwischen Jung und Alt sowie der wachsende Schatten des Nationalsozialismus über dem Alltag, bleiben in beiden Fassungen zentral.
Für Leser des Romans bietet der Film damit eine stimmige visuelle Ergänzung, während Zuschauer ohne Buchkenntnis eine in sich geschlossene, atmosphärisch dichte Geschichte über die letzten Jahre der Wiener Vorkriegszeit erleben. Nicht zuletzt macht Bruno Ganz’ Darstellung Freuds den Film zu einem berührenden Vermächtnis eines der bedeutendsten deutschsprachigen Schauspieler seiner Generation, was der Verfilmung über die reine Literaturadaption hinaus zusätzliches Gewicht verleiht.
Wien am Vorabend der Katastrophe
Sowohl Roman als auch Film gewinnen ihre Wucht aus der genauen Beobachtung eines historischen Wendepunkts: Wien im Jahr des „Anschlusses“ 1938, als sich das gesellschaftliche Klima innerhalb weniger Wochen von bürgerlicher Normalität zu offener Verfolgung wandelte. Die Trafik, in der Franz arbeitet, wird dabei zu einem Mikrokosmos der Gesellschaft, in dem unterschiedlichste Kunden – von jüdischen Stammkunden bis zu überzeugten Nationalsozialisten – aufeinandertreffen.
Für Bruno Ganz, der 2019 kurz nach Fertigstellung eines weiteren Films verstarb, gehörte die Rolle des Sigmund Freud zu seinen letzten großen Arbeiten; seine zurückhaltende, von leiser Ironie geprägte Interpretation des alternden Psychoanalytikers wurde von der Kritik besonders hervorgehoben. Die Verfilmung wurde in Österreich zu einem der erfolgreichsten heimischen Kinostarts des Jahres 2018 und trug wesentlich dazu bei, dass Seethalers Roman auch international ein noch breiteres Publikum fand.
Für viele Zuschauer diente der Film zugleich als zugänglicher Einstieg in ein Kapitel der österreichischen Geschichte, das im Schulunterricht oft nur knapp behandelt wird, und für einen anschließenden Kurztrip in die Alpen lädt ein stilistisches Boutique Hotel in Sterzing zu einem stimmungsvollen Aufenthalt in Südtirol ein.

