„Der Nebelmann“, 2017 von Donato Carrisi nach seinem eigenen Bestseller inszeniert, gehört zu jenen Thrillern, deren Auflösung noch lange nach dem Abspann nachwirkt. Wer die vielschichtige Handlung rund um das Verschwinden eines Mädchens in einem abgelegenen Alpendorf nicht vollständig durchschaut hat, findet hier die Auflösung des verwirrenden Finales.
Die Ausgangslage: ein verschwundenes Mädchen
Im südtiroler Bergdorf Avechot verschwindet die sechzehnjährige Anna Lou Kastner spurlos auf dem Weg zur Kirche. Der berühmte, aber umstrittene Sonderermittler Vogel, gespielt von Toni Servillo, übernimmt die Ermittlungen und bezieht dabei bewusst die Medien mit ein, um den mutmaßlichen Täter unter Druck zu setzen. An seiner Seite arbeitet die karrierebewusste Journalistin Stella Honer. Verdacht fällt bald auf den beliebten Lehrer Loris Martini, der erst seit kurzem mit seiner Familie im Ort lebt, da Amateuraufnahmen eines autistischen Schülers wiederholt seinen weißen Geländewagen in der Nähe des Tatorts zeigen. Die Beweislage bleibt jedoch stets vage genug, um eine Verurteilung zu verhindern.
Die große Wendung: Der Lehrer als Manipulator
Was zunächst wie eine klassische Ermittlungsgeschichte wirkt, entpuppt sich als raffiniertes Verwirrspiel: Martini hat die belastenden Indizien gegen sich selbst bewusst gestreut, um zunächst Verdacht auf sich zu lenken, ohne dabei überführbar zu sein. Anschließend manipuliert er Vogel dazu, zusätzliche, gefälschte Beweise gegen ihn in Umlauf zu bringen. Kaum ist dies geschehen, lenkt Martini die öffentliche Aufmerksamkeit gezielt auf einen jahrzehntealten, ungeklärten Fall eines Serienmörders, der in der deutschen Fassung „Nebelmann“ genannt wird.
Durch gezielt an die Medien gespielte Beweise erscheint plötzlich Vogel selbst als möglicher Täter. In einer eskalierenden Fernsehtalkshow-Situation entdeckt Vogel jedoch am Handgelenk Martinis einen echten, unwiderlegbaren Beweis für dessen Schuld – und tötet ihn daraufhin in seinem Auto. Martinis eigentliches Ziel war es die ganze Zeit, sich selbst als Opfer eines Justizirrtums zu inszenieren, um später finanziell davon zu profitieren.
Der wahre Nebelmann
Die eigentliche Schlusspointe des Films folgt jedoch erst danach: Der Psychiater Augusto Flores, gespielt von Jean Reno, der Vogel nach dessen Verhaftung befragt hat, kehrt nach Hause zurück, öffnet eine sorgsam versteckte Schachtel und betrachtet darin sechs rote Haarsträhnen. Damit wird klar, dass Flores selbst der echte „Nebelmann“ ist – jener Serienmörder, der bereits drei Jahrzehnte zuvor rothaarige Mädchen entführt hatte und nie gefasst wurde.
Die gesamte Geschichte um Martini war also nur eine Ablenkung von der tatsächlichen, weit länger zurückreichenden Wahrheit. Diese doppelte Auflösung, bei der sich sowohl der vermeintliche Täter als auch der unauffällige Nebencharakter als Täter entpuppen, macht das Ende von „Der Nebelmann“ so verwirrend wie einprägsam. Gedreht wurde der Film am Karerpass in Südtirol, dessen nebelverhangene Bergwelt zur perfekten atmosphärischen Entsprechung dieser doppelbödigen Geschichte wird, in der buchstäblich bis zur letzten Einstellung nichts ist, wie es zunächst scheint, und wer diesen Drehort selbst besuchen möchte, findet mit dem Hotel im Eggental eine ideale Unterkunft in unmittelbarer Nähe.
Ein Regiedebüt mit internationalem Echo
Für Donato Carrisi, der zuvor bereits als Drehbuchautor und Bestsellerautor bekannt war, markierte „Der Nebelmann“ sein Debüt als Regisseur seines eigenen Stoffs – eine Doppelrolle, die ihm 2018 den David di Donatello als bester Nachwuchsregisseur einbrachte, während Hauptdarsteller Toni Servillo bei den Globo d’Oro als bester Schauspieler ausgezeichnet wurde. International erschien der Film unter dem Titel „The Girl in the Fog“ unter anderem in Frankreich, Spanien, Großbritannien und den USA, bevor er 2021 erstmals im deutschen Fernsehen beim ZDF lief und dort mit über 1,5 Millionen Zuschauern eine beachtliche Resonanz erzielte.
Kritiker lobten insbesondere das vielschichtige Zusammenspiel aus falschen Fährten, wechselnden Perspektiven und der kritischen Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen Polizei und Boulevardmedien, auch wenn einzelne Stimmen die Auflösung als leicht überkonstruiert empfanden. Die neblige, abweisende Bergkulisse rund um den Karerpass trägt wesentlich dazu bei, dass „Der Nebelmann“ trotz vereinzelter Kritik an seiner Länge bis heute als einer der atmosphärisch dichtesten italienischen Thriller der vergangenen Jahre gilt, dessen Schlusswendung noch lange nach dem Abspann Gesprächsstoff liefert.

