Kurzzusammenfassung
– 2020 zwang die Filmindustrie zur Neuerfindung: Streaming übernahm die Rolle des Kinos – und produzierte dabei einige der stärksten Filme des Jahrzehnts.
– Nomadland, Sound of Metal und The Father gelten als die kritischen Höhepunkte des Jahres, während Tenet als letzter großer Kinokämpfer in Erinnerung bleibt.
– Viele Filme aus 2020 sind zeitloser als ihr Entstehungsjahr – wer sie noch nicht gesehen hat, verpasst Kino auf höchstem Niveau.
Ein Kinojahr, das anders begann – und anders endete
Frühjahr 2020. Die Kinos schlossen, Produktionen stoppten, Award-Seasons wurden verschoben. Was nach einem Desaster klingt, wurde für viele Filmschaffende zur Chance: Streaming-Plattformen füllten das Vakuum, sprangen auf prestigeträchtige Produktionen an und brachten Werke zu Millionen Menschen, die im Kino vielleicht nur ein kleines Publikum erreicht hätten. Das Ergebnis: ein Jahrgang, der trotz – oder gerade wegen – seiner Umstände außergewöhnlich stark ausgefallen ist.
Die Kritikerlieblinge: Nomadland, Sound of Metal und Co.
Nomadland von Chloé Zhao ist das Paradebeispiel. Der Film zeigt Frances McDormand als nomadische Wanderarbeiterin, die durch den amerikanischen Westen zieht – und gewann 2021 drei Oscars, darunter Bester Film und Beste Regie. Kein CGI, keine Lautstärke. Zhao arbeitete mit echten Nomaden als Nebendarsteller, was dem Werk eine dokumentarische Wärme verleiht, die kein Drehbuch liefern kann.
Sound of Metal traf noch tiefer. Riz Ahmed spielt einen Metal-Schlagzeuger, der sein Gehör verliert – und lernt, dass Stille kein Feind sein muss. Der Film arbeitet akustisch so präzise, dass Kopfhörer beim Schauen keine Option, sondern ein Erlebnis sind. Der BAFTA für den besten Schnitt war verdient.
Anthony Hopkins in The Father komplettiert das Trio: Florian Zellers Verfilmung seines Theaterstücks über Demenz aus der Innenperspektive des Erkrankten ist eine der mutigsten Erzählentscheidungen der letzten Jahre. Hopkins gewann seinen zweiten Oscar – zu Recht.
Streaming übernahm das Steuer – welche Produktionen wirklich zählten
Netflix hatte 2020 ein bemerkenswertes Jahr. The Trial of the Chicago 7 von Aaron Sorkin brachte politisches Kino mit atemberaubendem Dialogtempo zurück. Mank – David Finchers Schwarzweißfilm über die Entstehungsgeschichte von Citizen Kane – war sperrig, klug und nicht für jeden. Ma Rainey’s Black Bottom, Chadwick Bosemans letzter Film vor seinem Tod, war eine Bühnenperformance im Kinoformat: intensiv, musikalisch, unverschämt gut gespielt.
Unterschätzt: Palm Springs (Amazon Prime) war die romantische Komödie, die das Genre kurz aus dem Koma weckte. Das Zeitschleifen-Konzept mit Andy Samberg und Cristin Milioti funktionierte nicht trotz seiner Absurdität, sondern wegen ihr.
Welche Filme aus 2020 sind auch heute noch einen Abend wert?
Die Antwort ist einfach: fast alle der oben genannten. Was 2020 von schwächeren Jahrgängen unterscheidet, ist die Dichte an Filmen, die aus echten Ideen entstanden sind – nicht aus Franchise-Logik. Nomadland, Sound of Metal, The Father und Minari, Lee Isaac Chungs halbautobiografisches Drama über eine koreanisch-amerikanische Familie in Arkansas, funktionieren heute genauso wie beim Erscheinen.
Tenet war der einzige große Blockbuster, der 2020 tatsächlich im Kino lief – Christopher Nolans rückwärts-chronologisches Action-Spektakel polarisierte wie kaum ein anderer Film des Jahres. Ob man ihn liebt oder verwirrt verlässt: langweilig war er nie.
Häufige Fragen
Welcher Film hat die Oscars 2021 dominiert?
Nomadland von Chloé Zhao war der große Gewinner der 93. Academy Awards mit drei Preisen, darunter Bester Film, Beste Regie und Beste Hauptdarstellerin für Frances McDormand. Der Film gilt heute als Meilenstein des zeitgenössischen amerikanischen Kinos.
Warum lief 2020 so wenig im Kino?
Die COVID-19-Pandemie zwang Kinos weltweit – auch in Deutschland – zu mehrmonatigen Schließungen. Viele Produktionen verschoben ihren Start, andere wechselten direkt auf Streaming-Plattformen. Tenet war einer der wenigen großen Filme, der konsequent auf Kinostart bestand.
Was ist der beste Film 2020 für einen entspannten Abend?
Palm Springs ist die leichteste Empfehlung: kurzweilig, witzig, clever konstruiert und emotional treffsicher. Wer etwas Anspruchsvolleres sucht, liegt mit Sound of Metal oder Minari richtig – beide sind ohne Vorkenntnisse zugänglich und hinterlassen einen bleibenden Eindruck.
