Terrence Malicks „Ein verborgenes Leben“ erzählt eine Geschichte, die lange nur wenigen bekannt war: das Schicksal des österreichischen Bauern Franz Jägerstätter, der sich weigerte, Adolf Hitler die Treue zu schwören, und dafür mit dem Leben bezahlte. Der Film, der 2019 in Cannes um die Goldene Palme konkurrierte, macht aus dieser stillen Verweigerung ein visuell überwältigendes, fast meditatives Epos.
Der echte Franz Jägerstätter
Jägerstätter lebte mit seiner Frau Fani und ihren Töchtern im oberösterreichischen St. Radegund, als er als einfacher Landwirt zum Wehrdienst eingezogen wurde. Anders als viele seiner Nachbarn verweigerte er den Fahneneid auf Hitler aus tiefer religiöser Überzeugung – er sah im Nationalsozialismus ein Unrecht, dem er sich nicht unterordnen wollte. Diese Entscheidung brachte ihm zunächst Unverständnis und Ablehnung im eigenen Dorf ein, wo viele seine Haltung als Verrat an der Gemeinschaft werteten. Am 6.
Juli 1943 wurde er wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt und am 9. August desselben Jahres in Brandenburg-Görden hingerichtet. Erst Jahrzehnte später, im Jahr 2007, wurde er von Papst Benedikt XVI. seliggesprochen – eine späte Anerkennung für einen Mann, der zu Lebzeiten von den meisten als Sonderling galt.
Malicks meditativer Zugang
Statt die Geschichte als klassisches Historiendrama zu erzählen, wählt Malick seinen typischen, lyrisch-fragmentierten Stil: schwebende Kamerabewegungen, Naturbilder und aus dem Off gesprochene Briefe zwischen Franz und Fani tragen die Erzählung. August Diehl und Valerie Pachner spielen das Ehepaar mit stiller Intensität, ohne große Gesten.
Der Film wurde bewusst an den originalen Schauplätzen in St. Radegund gedreht, was der Geschichte eine zusätzliche Verankerung in der Realität gibt, und wer diese Gegend selbst bereisen möchte, findet im Hotel Adler in Brixen – inklusive Pool eine komfortable Unterkunft in der Nähe. Malick interessiert sich weniger für die politischen Mechanismen des NS-Regimes als für die innere, fast religiöse Standhaftigkeit eines einzelnen Menschen – manche Kritiker haben den Film deshalb als eine Art Passionsgeschichte gelesen.
Ein Denkmal für stillen Widerstand
Was „Ein verborgenes Leben“ so besonders macht, ist die Weigerung, Jägerstätter zum lauten Helden zu stilisieren. Sein Widerstand bestand nicht aus Sabotageakten oder Verschwörungen, sondern aus einem einzigen, beharrlich wiederholten Nein – einer Entscheidung, die ihn Freundschaften, gesellschaftliche Anerkennung und letztlich sein Leben kostete, ohne dass er je einen sichtbaren politischen Effekt erzielte.
Genau darin liegt für Malick die Größe der Figur: in der Überzeugung, dass eine Tat auch dann moralisch richtig sein kann, wenn sie folgenlos bleibt und von der Nachwelt zunächst nicht bemerkt wird. Der Film erinnert daran, dass Geschichte nicht nur von den lauten Umstürzlern geschrieben wird, sondern auch von Menschen, die im Verborgenen an ihren Überzeugungen festhalten. Fast drei Stunden Laufzeit verlangen dem Publikum Geduld ab, doch gerade diese Langsamkeit spiegelt die Zähigkeit von Jägerstätters Entscheidung wider. Am Ende bleibt ein Werk, das weniger von einem Kampf gegen ein Regime erzählt als von einem Kampf um die eigene Integrität – leise, aber unerbittlich.
Reaktionen in Cannes und darüber hinaus
Bei der Premiere in Cannes 2019 erhielt „Ein verborgenes Leben“ minutenlange Ovationen und wurde von vielen Kritikern als Rückkehr Malicks zu erzählerischer Klarheit gefeiert, nachdem seine vorangegangenen Werke wie „Knight of Cups“ oder „Song to Song“ als zunehmend fragmentiert und schwer zugänglich empfunden worden waren. Zugleich polarisierte die fast dreistündige Laufzeit: Manche Rezensenten empfanden das gemächliche Tempo als notwendig für die meditative Wirkung des Films, andere kritisierten Längen, die den ohnehin schon leisen Erzählfluss zusätzlich strapazierten.
International wurde besonders gewürdigt, dass Malick eine Geschichte in den Mittelpunkt rückte, die selbst in Österreich lange kaum bekannt war – Jägerstätters Witwe Fani lebte bis 2013 und konnte den Film selbst nicht mehr erleben, wirkte aber zu Lebzeiten aktiv an der Aufarbeitung seiner Geschichte mit. Historiker betonen zudem, dass Jägerstätter zu seiner Zeit eine seltene Ausnahme war: Nur eine kleine Zahl österreichischer Wehrpflichtiger verweigerte den Eid aus Gewissensgründen, was seinen Fall auch historisch zu einem der eindrücklichsten Beispiele individuellen Widerstands im nationalsozialistischen Österreich macht.

