Ein falscher Professor, ein Casinoraub, ein Tunnel durch den Keller – und eine fromme Witwe, die das gesamte Vorhaben zunichtemachen könnte. Das klingt nach einem klassischen Coen-Stoff, und tatsächlich steckt hinter The Ladykillers das Gespann Joel und Ethan Coen. Der Film erschien am 29. Juli 2004 in deutschen Kinos und ist heute über verschiedene VoD-Plattformen verfügbar. Was dahintersteckt, für wen er sich lohnt und warum er trotz allem nicht zu den großen Coen-Werken zählt – das klärt dieser Artikel.
Kurzzusammenfassung
- The Ladykillers ist eine schwarze Kriminalkomödie der Coen-Brüder aus dem Jahr 2004, in der Tom Hanks einen exzentrischen Möchtegern-Gauner im Süden der USA spielt.
- Der Film ist ein Remake des britischen Klassikers von 1955 und gilt im Coen-Gesamtwerk als solides, aber nicht herausragendes Werk mit gemischten Kritiken und einem IMDb-Score von etwa 6,2.
- Irma P. Hall gewann für ihre Darstellung der Hausbesitzerin Marva Munson den Jury-Preis bei den Filmfestspielen von Cannes 2004 – und stiehlt Tom Hanks dabei fast die Schau.
Handlung: Kirche, Tunnel und ein sehr ungleicher Plan
Professor Goldthwait Higginson Dorr, Ph.D. – schon der Name sagt alles über diese Figur – mietet sich höflichst bei der tief religiösen Witwe Marva Munson im Mississippi-Delta ein. Offiziell möchte er in ihrem Keller Kirchenmusik proben. Tatsächlich plant er mit einer zusammengewürfelten Bande skurriler Kleinkrimineller einen Tunnel zu einem nahegelegenen Kasino zu graben.
Die Bande ist entsprechend divers besetzt: Marlon Wayans als aufgedrehter Wachmann Gawain MacSam, J.K. Simmons als sprengstoffaffiner Garth Pancake, Ryan Hurst als naiver Ex-Footballer Lump Hudson und der schweigsame Tzi Ma als The General. Was fehlt, ist Kompetenz. Was in Überfluss vorhanden ist, sind Missgeschicke.
Als Marva Munson zunehmend misstrauisch wird, steht die Bande vor einem Problem, das der Film mit zunehmend dunklem Humor eskaliert. Der Plot selbst ist bewusst einfach gehalten – das war schon im britischen Original von 1955 so. Die Coen-Brüder verlegen die Handlung konsequent in den amerikanischen Süden, garnieren sie mit Gospelmusik und Südstaaten-Kolorit und machen daraus ein eigenes, wenn auch nicht vollständig geglücktes Werk.
Besetzung: Tom Hanks in einer Rolle, die man so nicht erwartet
Tom Hanks spielt Professor Dorr mit theatralischer Hochsprache, langen Umhängen und einem Zahngrinsen, das irgendwo zwischen Süddlichkeit und leichtem Wahnsinn pendelt. Es ist eine Rolle, die radikal gegen sein übliches Image bricht – kein sympathischer Jedermann, sondern ein windiger Hochstapler mit Sendungsbewusstsein. Das Experiment funktioniert stellenweise sehr gut, verliert aber über die Laufzeit von 104 Minuten etwas an Schärfe.
Klarer Gewinn des Films ist Irma P. Hall als Marva Munson. Die Hausbesitzerin ist fromm, widerspenstig, moralisch unerschütterlich – und schlägt die gesamte Bande mit Leichtigkeit an Willenskraft. Für diese Darstellung erhielt Hall bei den Filmfestspielen von Cannes 2004 den Jury-Preis, eine der wenigen bedeutenden Auszeichnungen des Films. Wer The Ladykillers schaut, schaut ihn letztlich wegen ihr.
Die Nebenrollen sind klassisch Coen-mäßig: überzeichnet, mit je einer spezifischen Macke, komisch im Zusammenspiel. J.K. Simmons, heute vor allem für seine Oscarnominierung in Whiplash bekannt, liefert als Garth Pancake einen der komischeren Auftritte des Films. Marlon Wayans bewegt sich zwischen Slapstick und echter Komödienenergie – mit wechselndem Erfolg.
Kritik: Was der Film kann – und was er schuldig bleibt
Die Bewertungen sind seit der Erstveröffentlichung stabil im mittleren Bereich: rund 6,2 von 10 auf IMDb, etwa 55 Prozent auf Rotten Tomatoes von Seiten der Kritiker, ein Metacritic-Score von ungefähr 56 von 100. Diese Zahlen spiegeln einen verbreiteten Eindruck wider – der Film ist sehenswert, aber kein Meisterwerk.
Was Kritiker und Publikum einhellig loben: das Production Design, das Mississippi-Setting mit seiner Gospelkulisse, die Figur der Marva Munson und einzelne sehr komische Szenen. Was fehlt, ist die erzählerische Präzision, die etwa Fargo oder The Big Lebowski auszeichnet. Die Gags sitzen nicht immer, das Tempo schwankt, und manchmal hat man das Gefühl, die Coen-Brüder seien weniger an der Geschichte interessiert als an der Atmosphäre.
Das ist kein kleiner Unterschied. Beim Original von 1955 mit Alec Guinness in der Hauptrolle war das Skript das Herz des Films. Beim Remake sind es Kostüm, Setting und Darstellerin. Wer beide Versionen kennt, versteht, warum das Original in Filmgeschichtsbüchern steht und das Remake vor allem in Streaming-Katalogen.
Interessant ist, dass retrospektive Betrachtungen den Film seit etwa 2018 leicht aufwerten. Einige Kritiker, die das Gesamtwerk der Coen-Brüder neu sortieren, finden darin Qualitäten, die beim Kinostart übersehen wurden – insbesondere die konsequente Verweigerung des Feel-Good-Endes und die Art, wie religiöse Überzeugung als ernsthafte moralische Kraft inszeniert wird, ohne dass die Figur dabei lächerlich gemacht würde.
Streaming und Einordnung: Für wen lohnt sich The Ladykillers?
Der Film ist in Deutschland über gängige VoD-Plattformen als Kauf oder Leihe verfügbar, gelegentlich auch in Flatrate-Abos. Da Lizenzen regelmäßig wechseln, empfiehlt sich eine aktuelle Suche direkt beim bevorzugten Anbieter oder über eine Streaming-Suchmaschine wie JustWatch.
Für wen lohnt sich das Schauen? Drei Zielgruppen lassen sich klar benennen:
- Coen-Komplettisten, die das Gesamtwerk kennen wollen – auch die kleineren, weniger beachteten Einträge.
- Tom-Hanks-Fans, die ihn in einer ungewohnt exzentrischen, leicht unheimlichen Rolle sehen möchten.
- Zuschauer mit Interesse an schwarzem Humor, südstaatlichem Kolorit und skurrilen Figurenkonstellationen.
Wer hingegen ein klassisches Hanks-Familienvehikel erwartet oder auf Niveau eines No Country for Old Men hofft, wird enttäuscht. Der Film ist dunkel, mitunter träge und kalkuliert makaber. Das ist keine Warnung – sondern eine Einladung an das richtige Publikum.
Ein Tipp für Neugierige: Das englischsprachige Original lohnt sich gegenüber der Synchronfassung, weil Hanks‘ aufgesetzte Südstaaten-Hochsprache einen Großteil des Charakterhumors trägt. Und wer danach noch Zeit hat, dem sei der britische Originaltitel von 1955 empfohlen – nicht weil das Remake schlechter wäre, sondern weil der Vergleich zeigt, wie unterschiedlich derselbe Stoff klingen kann.
Häufige Fragen
Ist The Ladykillers (2004) ein guter Einstieg ins Werk der Coen-Brüder?
Eher nicht als erster Film. Wer die Coen-Brüder kennenlernen möchte, beginnt besser mit Fargo, The Big Lebowski oder No Country for Old Men. The Ladykillers ist ein erkennbar coen-typischer Film, zeigt aber nicht ihre stärksten Qualitäten. Als Ergänzung für alle, die das Gesamtwerk erkunden, ist er hingegen durchaus interessant.
Wie unterscheidet sich das Remake von 2004 vom britischen Original von 1955?
Das britische Original von 1955 mit Alec Guinness spielt in London, ist präziser im Timing und gilt als Klassiker des schwarzen britischen Humors. Das Coen-Remake verlegt die Handlung in den amerikanischen Süden, setzt auf Gospelmusik, Südstaaten-Kolorit und eine religiöse Hausbesitzerin als moralisches Zentrum. Beide Versionen funktionieren eigenständig, unterscheiden sich aber deutlich in Ton und erzählerischer Qualität.
Welche Auszeichnungen hat The Ladykillers gewonnen?
Die bedeutendste Auszeichnung erhielt Irma P. Hall für ihre Darstellung der Marva Munson – den Jury-Preis bei den Filmfestspielen von Cannes 2004. Bei den großen amerikanischen Preisverleihungen wie Oscar, Golden Globe oder BAFTA blieb der Film ohne wesentliche Nominierungen. Einige Regional- und Gildenpreise wurden für Production Design und Darstellerleistungen vergeben.
