„Amelie rennt“ erzählt von einer 13-Jährigen, die sich weigert, sich von ihrer chronischen Erkrankung definieren zu lassen – und die genau deshalb lernen muss, einen eigenen Weg zwischen Widerstand und Akzeptanz zu finden. Der deutsch-italienische Jugendfilm von Regisseur Tobias Wiemann feierte 2017 bei der Berlinale Premiere.
Eine Heldin im Dauerkonflikt
Amelie lebt in Berlin und leidet unter chronischem Asthma, das sie in ihrem Alltag erheblich einschränkt. Anders als ihre getrennt lebenden Eltern, die auf eine konsequente Behandlung drängen, weigert sich die trotzige Jugendliche beharrlich, sich mit ihrer Krankheit zu arrangieren. Diese Haltung ist weniger reine Sturheit als vielmehr Ausdruck eines tieferliegenden Bedürfnisses: Amelie will nicht länger fremdbestimmt werden, weder von ihrer Krankheit noch von den gut gemeinten Vorgaben der Erwachsenen um sie herum. Nach einem besonders gefährlichen Asthmaanfall schicken ihre Eltern sie in eine spezialisierte Klinik in Südtirol, wo Amelie jedoch jegliche Teilnahme an der Gruppentherapie konsequent verweigert und sich bewusst isoliert.
Flucht in die Berge als Selbstermächtigung
Statt sich der Therapie zu fügen, beschließt Amelie, allein auf einen Berggipfel zu wandern, um dort an einem traditionellen Sprung durch ein Gipfelfeuer teilzunehmen, von dem sie sich eine Art symbolische Heilung erhofft. Begleitet wird sie von Bart, einem zwei Jahre älteren Jungen aus der Klinik, mit dem sich im Lauf der abenteuerlichen Tour eine zaghafte Verbindung entwickelt. Die Bergtour wird dabei zur zentralen Metapher des Films: Amelie muss lernen, ihre körperlichen Grenzen ernst zu nehmen, ohne sich von ihnen vollständig einschränken zu lassen.
Die alpine Landschaft Südtirols dient nicht nur als eindrucksvolle Kulisse, sondern spiegelt auch die innere Reise der Protagonistin wider – zwischen Kontrollverlust, Angst und dem unbedingten Willen, ihr Leben selbst zu gestalten. In der Nähe dieser Drehorte wartet ein wunderschönes Chalet in Südtirol mit Pool auf Gäste, die dieselbe Bergwelt selbst erleben möchten.
Zwischen Krankheit und Pubertät
Der Film verwebt geschickt zwei Themen, die oft getrennt behandelt werden: den Umgang mit einer chronischen Erkrankung und die allgemeinen Herausforderungen des Erwachsenwerdens. Amelies Gefühl der Einengung resultiert eben nicht nur aus ihrem Asthma, sondern ebenso aus der Pubertät selbst – aus dem Wunsch, endlich ernst genommen und nicht mehr bevormundet zu werden. Gerade diese Doppelung macht „Amelie rennt“ auch für Zuschauer ohne eigene Krankheitserfahrung nachvollziehbar, weil das Grundgefühl von Fremdbestimmung und dem Wunsch nach Selbstbestimmung universell verständlich ist.
Am Ende steht kein einfaches Happy End im Sinne einer vollständigen Heilung, sondern ein Reifeprozess: Amelie lernt nicht, ihre Krankheit zu besiegen, sondern sie als Teil ihrer selbst zu akzeptieren, ohne sich von ihr vollständig bestimmen zu lassen. Diese differenzierte Haltung macht den Film zu einem bemerkenswerten Beitrag im deutschen Jugendfilm, der ernste Themen wie chronische Krankheit ernst nimmt, ohne dabei auf einfache moralische Botschaften oder kitschige Auflösungen zurückzugreifen, und der jungen Zuschauern vermittelt, dass Selbstakzeptanz oft ein längerer, unbequemer Weg ist.
Von der Buchvorlage zum Klassenzimmer
„Amelie rennt“ basiert auf dem gleichnamigen Jugendroman von Isabel Abedi, der schon vor der Verfilmung als einfühlsame Auseinandersetzung mit chronischer Krankheit im Jugendalter geschätzt wurde. Regisseur Tobias Wiemann übertrug die Geschichte behutsam auf die Leinwand, wobei besonders die eindrucksvollen Landschaftsaufnahmen der Südtiroler Alpen zusätzliches visuelles Gewicht bekommen, das im Buch naturgemäß nur sprachlich vermittelt werden kann.
Nach der Premiere bei der Berlinale 2017 fand der Film schnell auch seinen Weg in den schulischen Kontext: Begleitmaterialien etwa von Kinofenster und Vision Kino wurden gezielt für den Unterricht entwickelt, um Themen wie Krankheitsbewältigung, Selbstbestimmung und das Verhältnis zwischen Jugendlichen und ihren Eltern altersgerecht aufzubereiten. Diese pädagogische Verwendung zeigt, wie ernst der Film trotz seiner abenteuerlichen Rahmenhandlung genommen wird: Er dient nicht nur als Unterhaltung, sondern auch als Gesprächsanlass für junge Zuschauerinnen und Zuschauer, die selbst mit chronischen Erkrankungen oder dem Gefühl kämpfen, von Erwachsenen nicht ernst genommen zu werden.

