Manche Regisseure drehen Filme. Guillermo del Toro erschafft Welten – und bevölkert sie mit Monstern, die menschlicher wirken als die Menschen drumherum. Seit seinem Debüt „Cronos“ (1993) verfolgt der mexikanische Filmemacher eine Vision, die im Hollywoodsystem selten ist: Monster nicht als Bedrohung, sondern als Spiegel. Seine Außenseiter haben Fangzähne, Flossen oder verrottende Körper – und trotzdem, oder gerade deshalb, läuft man mit ihnen mit.
Kurzzusammenfassung
- Guillermo del Toro verbindet in seinen Filmen Dark Fantasy, Horror und historische Gewalt zu einem unverwechselbaren Autorenkino, das von „Pan’s Labyrinth“ bis „Pinocchio“ reicht.
- Mit „The Shape of Water“ gewann del Toro 2018 den Oscar für den besten Film und den besten Regisseur – ein Karrieredurchbruch, der seinen Status als preisgekrönter Autorenfilmer zementierte.
- Wer in sein Werk einsteigen möchte, findet mit „Pan’s Labyrinth“, „The Shape of Water“ und dem Netflix-Animationsfilm „Pinocchio“ drei ideale Einstiegspunkte für unterschiedliche Geschmäcker.
Was del Toros Werk von gewöhnlichem Genre-Kino unterscheidet, ist seine thematische Konsequenz. Faschismus taucht in mindestens drei seiner Filme als reale oder metaphorische Bedrohung auf. Kinder stehen immer wieder im Mittelpunkt – verletzlich, aber mit einer Wahrnehmung, die Erwachsene längst verloren haben. Und seine Monster sind nie böse aus Prinzip. Sie sind Produkte einer Welt, die keine Gnade kennt.
Die spanische Trilogie: Persönlicher, düsterer, poetischer
Del Toros bedeutendste Filme sind die, die er in seiner Muttersprache gedreht hat. „Cronos“ (1993) war sein erster Langfilm – ein mexikanischer Vampirfilm, in dem ein altes mechanisches Artefakt Unsterblichkeit verspricht und sie langsam frisst. Kein großes Budget, aber eine bereits vollständig entwickelte visuelle Handschrift: warme Goldtöne, die faulen, und Körper, die Verfall als ästhetisches Ereignis erleben.
„The Devil’s Backbone“ (2001) spielt in einem Waisenhaus im Spanischen Bürgerkrieg. Ein Junge trifft auf ein Kindergespenst – aber die eigentliche Bedrohung kommt von den Lebenden. Der Film ist del Toros erste große Auseinandersetzung mit einem Thema, das er nicht loslässt: Wie eine Gesellschaft, die Gewalt normalisiert, ihre Kinder zerstört. Pedro Almodóvar produzierte den Film – und das Ergebnis wirkt bis heute wie ein vergessenes Meisterwerk.
„Pan’s Labyrinth“ (2006) ist der bekannteste dieser drei spanischsprachigen Filme und einer der formal vollkommensten Fantasyfilme überhaupt. Das Mädchen Ofelia flieht aus einem brutalen Nachkriegs-Spanien unter einem falangistischen Stiefvater in ein mythisches Labyrinth, das ihr eine geheime Identität verspricht. Del Toro verweigert dabei die einfache Auflösung: Ist die Fantasiewelt real oder Schutzreaktion eines traumatisierten Kindes? Der Film gewann 2007 drei Oscars, darunter für Kamera und Produktionsdesign, und bleibt sein dichtest verwobenes Werk.
Hellboy, Pacific Rim und Crimson Peak: Del Toro im Studiosystem
Parallel zur spanischen Trilogie entwickelte del Toro eine zweite, lautere Stimme für den englischsprachigen Markt. Die „Hellboy“-Filme (2004 und 2008) nach Mike Mignolas Comics zeigen, wie gut er mit dem Widerspruch umgeht: Ron Perlman als Höllendämon, der Pfannkuchen isst und Katzen züchtet, ist eine seiner liebevollsten Figuren. Die Botschaft ist direkt: Wer ein Monster ist, entscheidet nicht das Aussehen, sondern das Handeln.
„Pacific Rim“ (2013) ist del Toros expliziteste Liebeserklärung an die japanischen Kaiju- und Mecha-Traditionen – gigantische Roboter gegen gigantische Monster, geschrieben als Actionfilm, aber inszeniert mit der Sorgfalt eines Weltenbauers. Idris Elbas legendäre Rede – „We are canceling the apocalypse“ – ist längst Teil der Popkultur.
„Crimson Peak“ (2015) hingegen ist sein missverstandenstes Studiowerk. Als Gothic-Horror beworben, ist er eigentlich ein viktorianisches Melodram – eine junge Autorin heiratet sich in ein verfallenes Anwesen und entdeckt, dass die Geister, die dort leben, weit weniger gefährlich sind als die Menschen. Der Film floppte kommerziell, hat aber inzwischen eine treue Anhängerschaft, die seine formale Eleganz und Kostümbildgestaltung zu würdigen weiß.
Das Spätwerk: Oscar, Film noir und animierter Faschismus
Mit „The Shape of Water“ (2017) erreichte del Toro seinen bisher größten Erfolg beim Filmbetrieb. Sally Hawkins spielt Elisa, eine stumme Reinigungskraft in einem geheimen US-Regierungslabor der 1960er Jahre, die sich in ein gefangenes Amphibienwesen verliebt – und gemeinsam mit Freunden dessen Befreiung plant. Der Film gewann vier Oscars, darunter Bester Film und Beste Regie, und trug bei Rotten Tomatoes Kritikerwerte deutlich über 90 Prozent.
Was den Film auszeichnet, ist sein emotionaler Mut. Eine Liebesgeschichte zwischen einem stummen Menschen und einem Fischmenschen klingt nach Provokation – del Toro behandelt sie mit vollständiger Ernsthaftigkeit und ohne Ironie. Das Außenseitertum ist hier kein Konzept, sondern gelebte Erfahrung jeder Figur im Film.
„Nightmare Alley“ (2021) ist sein dunkelster englischsprachiger Film. Bradley Cooper spielt einen charmanten Schwindler, der vom Jahrmarkt zum Hochstaplermentalisten aufsteigt – und dabei in eine unaufhaltsame Abwärtsspirale gerät. Del Toro inszeniert den Film-noir-Stoff mit dem gleichen Detailreichtum wie seine Fantasyfilme, verzichtet aber auf jede übernatürliche Rettung. Nominiert für den Oscar als Bester Film, erhielt er in der Kritik mehr Lob als beim breiten Publikum.
„Guillermo del Toro’s Pinocchio“ (2022) erschien auf Netflix und gewann 2023 den Oscar für den besten Animationsfilm. Es ist ein Stop-Motion-Film im faschistischen Italien – kein Kinderfilm im klassischen Sinn, sondern eine düstere Fabel über Gehorsam, Verlust und die Frage, was es bedeutet, ein gutes Kind zu sein. Kritikerwerte lagen bei Rotten Tomatoes häufig über 95 Prozent. Für dell Toro war es die Bestätigung, dass sein Blick auf die Welt – Monster, Märchen, Gewalt – auch im Format Animation trägt.
Wer del Toros Werk als Ganzes betrachtet, erkennt: Es gibt keine zufälligen Motive. Die Wiederholung ist Programm. Faschismus zerstört Kindheit. Außenseiter verdienen Empathie. Und Monster – wirkliche Monster – tragen fast immer menschliche Gesichter.
Häufige Fragen
Welcher Guillermo-del-Toro-Film ist der beste Einstieg für Neulinge?
„Pan’s Labyrinth“ ist für die meisten Zuschauer der beste Einstieg, weil er del Toros Kernthemen – Kindheit, Faschismus, Fantasie als Schutzraum – in ihrer dichtesten Form versammelt. Wer lieber mit einem emotional wärmeren Film beginnt, ist mit „The Shape of Water“ gut bedient. Für Animationsfilm-Fans bietet „Pinocchio“ auf Netflix einen barrierefreien Zugang ohne Vorwissen.
Sind die Hellboy-Filme von 2004 und 2008 mit dem Reboot von 2019 verbunden?
Nein. Del Toros „Hellboy“ (2004) und „Hellboy II: The Golden Army“ (2008) mit Ron Perlman bilden eine eigenständige Filmreihe ohne Verbindung zum 2019 erschienenen Reboot unter Regisseur Neil Marshall mit David Harbour in der Hauptrolle. Del Toro war am Reboot nicht beteiligt. Die meisten Fans und Kritiker betrachten die del-Toro-Versionen als die stilistisch stärkeren Adaptionen.
Wie brutal sind del Toros Filme – sind sie für alle Zuschauer geeignet?
Del Toros Filme sind sehr unterschiedlich in ihrer Explizitheit. „Pacific Rim“ und „Pinocchio“ sind mit einigen Einschränkungen auch für jüngere Zuschauer zugänglich. „Pan’s Labyrinth“, „Crimson Peak“ und „Nightmare Alley“ enthalten dagegen teils drastische Gewaltdarstellungen und sind klar für Erwachsene konzipiert. Del Toro nutzt Gewalt nie als Spektakel, sondern als Konsequenz – sie hat immer Gewicht und Bedeutung im Kontext der Geschichte.
Beitragsbild: KI-generiert
