Fargo ist ein Name, der für zwei Dinge steht: einen der einflussreichsten Kriminalfilme der 1990er-Jahre und eine der ambitioniertesten Serienprojekte der letzten Dekade. Was beide verbindet, ist weniger eine fortlaufende Geschichte als ein unverwechselbares Gefühl – lakonischer Schwarzhumor, verschneite Landschaften im Mittleren Westen der USA und Menschen, die in Situationen geraten, die sie sichtlich überfordern. Für diesen Ton braucht es die richtige Besetzung. Bei Fargo wurde diese Entscheidung in jeder Staffel mit bemerkenswerter Konsequenz getroffen.
Kurzzusammenfassung
- Der Kinofilm „Fargo“ (1996) der Coen-Brüder gilt als moderner Klassiker mit Frances McDormand und William H. Macy in den Hauptrollen und gewann zwei Oscars, darunter den für die beste Hauptdarstellerin.
- Die Anthologie-Serie „Fargo“ (2014–2024) umfasst fünf abgeschlossene Staffeln, die jeweils eine eigenständige Geschichte mit neuer Starbesetzung erzählen – von Billy Bob Thornton und Martin Freeman bis Jon Hamm und Juno Temple.
- Jede Staffel lässt sich eigenständig schauen, bietet aber für Kenner der gesamten Reihe zusätzliche Figuren- und Familienbezüge, die den schwarzhumorigen Gesamtton konsequent weiterführen.
Der Film: Frances McDormand und das Original-Ensemble von 1996
Joel und Ethan Coen legten mit ihrem Film von 1996 die Blaupause für alles Nachfolgende. Die Geschichte dreht sich um Jerry Lundegaard, einen gescheiterten Autoverkäufer aus Minnesota, der zwei Kleinkriminelle anheuert, um seine eigene Frau zu entführen und so an das Geld seines wohlhabenden Schwiegervaters zu kommen. Was als scheinbar sauberer Plan beginnt, endet in einer Spirale aus Gewalt und menschlichem Versagen.
William H. Macy spielt den feigen, schwitzenden Jerry mit einer Intensität, die zwischen Mitleid und Abscheu pendelt. Als Gegenfigur fungiert Frances McDormand als Polizeichefin Marge Gunderson – hochschwanger, höflich und dabei der schärfste Verstand im gesamten Film. Für diese Rolle erhielt sie den Oscar als beste Hauptdarstellerin. Die Coen-Brüder wurden für ihr Originaldrehbuch ebenfalls ausgezeichnet.
Die beiden Kidnapper bilden ein einprägsames Duo: Steve Buscemi als nervöser, geschwätziger Carl Showalter und Peter Stormare als wortkarger, brutaler Gaear Grimsrud. Der Kontrast zwischen beiden liefert einen Großteil des dunkelsten Humors des Films. Harve Presnell als reicher Schwiegervater Wade Gustafson und John Carroll Lynch als Marges duldsamer Ehemann Norm runden das Ensemble ab.
Der Film behauptet im Vorspann, auf wahren Begebenheiten zu basieren. Das ist eine bewusste Lüge – ein klassischer Coen-Trick, der das Vertrauen des Publikums unterwandert, bevor die erste Szene überhaupt begonnen hat.
Die Serie: Fünf Staffeln, fünf Besetzungen, ein unverwechselbarer Ton
Showrunner Noah Hawley bewies ab 2014 auf FX, dass der Ton eines Films sich in ein Serienformat übersetzen lässt, ohne zum Aufguss zu werden. Das Anthologie-Prinzip ist dabei entscheidend: Jede Staffel erzählt eine in sich abgeschlossene Geschichte, spielt in einer anderen Zeitepoche und hat eine weitgehend neue Hauptbesetzung.
Staffel 1 führte mit Billy Bob Thornton als mysteriösem Auftragskiller Lorne Malvo und Martin Freeman als erfolglosem Versicherungsvertreter Lester Nygaard zwei Figuren ein, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Polizistin Molly Solverson, gespielt von Allison Tolman, hält das moralische Zentrum – Bob Odenkirk und Colin Hanks unterstützen in tragenden Nebenrollen.
Staffel 2 springt ins Jahr 1979 und gilt vielen als Höhepunkt der gesamten Reihe. Patrick Wilson spielt den jungen Lou Solverson, Kirsten Dunst und Jesse Plemons das überforderte Ehepaar Blumquist, das einen Unfall vertuscht und dabei in den Machtkampf zwischen dem Gerhardt-Syndikat und einem Chicagoer Kartell gerät. Jean Smart als Familienmatriarchin Floyd Gerhardt und Ted Danson als Sheriff Hank Larsson gehören zu den stärksten Leistungen der gesamten Serie.
Staffel 3 setzt auf Ewan McGregor in einer Doppelrolle als verfeindete Brüder Emmit und Ray Stussy. Ein Streit um eine Briefmarkensammlung mündet in etwas, das weit über eine Familienfehde hinausgeht. David Thewlis als undurchsichtiger Antagonist und Carrie Coon als Ermittlerin Gloria Burgle machen diese Staffel zu einem der stilistisch eigenwilligsten Teile der Reihe.
Staffel 4 und 5: Von Kansas City bis zur Gegenwart
Staffel 4 wagte den größten Stilbruch. Chris Rock als afroamerikanischer Gangsterboss Loy Cannon, Jessie Buckley als Krankenschwester mit dunklem Geheimnis und Jason Schwartzman als Erbe einer sizilianischen Verbrecherfamilie – das Ensemble ist außergewöhnlich, der Schauplatz Kansas City in den 1950er-Jahren ist neu. Die Staffel wurde kritisch gespalten aufgenommen: Vielerorts heißt es, sie sei gute Fernsehunterhaltung, entspreche aber stilistisch nicht dem, was Fans unter einer typischen „Fargo-Staffel“ verstehen. Ben Whishaw als Rabbi Milligan und Jack Huston sowie Emyri Crutchfield als Ethelrida Smutney gehören zu den stärksten Elementen.
Staffel 5, ausgestrahlt 2023/2024, wird von vielen als Rückkehr zur Form beschrieben. Juno Temple spielt die scheinbar gewöhnliche Hausfrau Dorothy „Dot“ Lyon, deren gewaltsame Vergangenheit sie einholt. Ihr gegenüber steht Jon Hamm als korrupter Sheriff Roy Tillman, dessen Sohn Gator von Joe Keery gespielt wird. Jennifer Jason Leigh als Dots übermächtige Schwiegermutter Lorraine Lyon und Lamorne Morris als Polizist Witt Farr vervollständigen ein Ensemble, das die Zutaten der Serie – Familie, Gewalt, Moral und absurder Humor – mit spürbarer Energie aufgreift. Sam Spruell als Ole Munch steuert dabei die unheimlichste Figur der Staffel bei.
Was über alle fünf Staffeln hinweg auffällt: Die Besetzungsentscheidungen sind nie zufällig. Fargo setzt konsequent auf Schauspielerinnen und Schauspieler, die in ihren Karrieren für etwas stehen – und dann oft gegen ihre gewohnte Stärke besetzt werden. Chris Rock als ernsthafter Gangster, Kirsten Dunst als verzweifelte Kleinstadtfrau, Ewan McGregor in Doppelrolle: Das ist kein Casting um des Namens willen, sondern dramaturgisches Handwerk.
Häufige Fragen
Kann ich die Fargo-Serie schauen, ohne den Film gesehen zu haben?
Ja, die Serie ist kein direktes Sequel und setzt keine Kenntnis des Films voraus. Sie teilt denselben Ton, das Setting und einige thematische Motive, erzählt aber vollständig eigenständige Geschichten. Wer den Film kennt, wird gelegentliche Anspielungen und den Gesamtkontext besser einordnen können – Pflicht ist das aber nicht.
Muss ich die Staffeln der Fargo-Serie in der richtigen Reihenfolge schauen?
Jede Staffel funktioniert als eigenständiges Werk, ein Einstieg mit Staffel 1 oder 2 ist problemlos möglich. Wer allerdings Anspielungen auf wiederkehrende Figuren – etwa die Familie Solverson oder den Namen Milligan – vollständig verstehen will, profitiert von der chronologischen Reihenfolge. Staffel 2 spielt zeitlich vor Staffel 1, was einige Bezüge im Rückblick besonders interessant macht.
Stimmt es, dass Fargo auf einer wahren Geschichte basiert?
Sowohl der Film als auch die Serie behaupten dies im Vorspann – tatsächlich sind beide Werke jedoch fiktional. Die Coen-Brüder setzten diesen Hinweis bewusst als stilistisches Mittel ein, um die Glaubwürdigkeit der Geschichte zu unterstreichen und das Publikum in einer Art Unbehagen zu halten. Noah Hawley führte diesen Ansatz in der Serie bewusst fort.
